23
Nov
10

Open Education – Das Ende der Hochschulen?


Es war ein fulminanter Auftritt, den Andreas von Gunten am letzten Netzzunft-Abend vom 17.11.2010 aufs Parkett legte. Mit seiner ganzen Leidenschaft hielt er ein Plädoyer für Open Education: Die von Humboldt geforderte freie Bildung und freie Forschung haben wir noch nicht erreicht, meint er. Die Hochschulen und Universitäten sind überfordert und reagieren mit Bürokratie sowie erhöhten Zugangsbeschränkungen. Dabei liegt gemäss Andreas von Gunten die Lösung auf der Hand: Das Internet wird alles verändern, und zwar radikal. Es ermöglich das Lernen miteinander und im Austausch, ohne dass notwendigerweise alle physisch am gleichen Ort sein müssen. Mit dem Internet haben wir endlich die Möglichkeiten, das humboldtsche Ideal Wirklichkeit werden zu lassen.

Basierend auf der Cape Town Open Education Declaration und der Berlin Declaration on Open Access in the Sciences and Humanities kommt Andreas von Gunten zum Schluss, Hochschulen könnten einiges sofort tun:

  • Veröffentlichung aller Vorlesungen, Seminare und anderer Veranstaltungen im Internet
  • Verpflichtung zur Veröffentlichung aller Forschungsresultate, inkl. Rohdaten im Internet zur freien Nutzung
  • Abschaffung aller Zulassungsbeschränkungen zu den Inhalten und Lehrgängen
  • Abschaffung aller Zulassungsbeschränkungen zu den Examen, Diplomprüfungen, usw. (keine Präsenzpflicht)

Nicht weniger enthusiastisch war Peter Köppel’s Replik. Glaubenssätze, meint er, seien die Grundlage für Andreas von Gunten’s Überzeugungen, wie beispielsweise die grosszügige Annahme, alle Intelligenzen seien ziemlich gleich. Vier Aspekte fand er besonders wichtig:

  1. Zum Lernen ist es manchmal wichtig, dass man zum Lerngegenstand, also zum Thema, die richtige Einstellung findet – vermittelt durch einen guten Lehrer (oder vereitelt durch einen schlechten)
  2. Zum Lernen gehört auch der Drill. Es reicht nicht, dass einem theoretisch alle Informationen zur Verfügung stehen. Man muss manchmal Zeugs lernen, das einem stinkt. Es braucht Disziplin, und diese zu lernen, dazu braucht es Erziehung.
  3. Das Internet ist für die Forschung nicht das Alleinseeligmachende, sondern einfach nur eine weitere Umweltbedingung. Während bei der Interdisziplinarität jede Disziplin „Herr im eigenen Haus“ ist, gibt es bei der Transdisziplinarität keine „Herren im Haus“ mehr. Daraus resultiert eine viel komplexere Welt.
  4. Twitter ist 140 Zeichen ohne Kontext. Was aber, wenn wir lernen, ohne dass uns jemand den Kontext liefert?

Mit dem Internet, so seine Schlussfolgerung, steigt also die Komplexität, die Qualität dagegen sinkt.

Eine sehr lebendige Diskussion folgte auf diese zwei gegensätzlichen Standpunkte, von der ich (wegen fehlender Stenokenntnisse) leider nur Fragmente wiedergeben kann.

Zunächst wurde mit dem Mythos Linux aufgeräumt, mit dem Hinweis, dass viele Gruppen vom Basar-Modell zum Kathedralen-Modell gewechselt hätten, also zu geschlossenen Gruppen wurden. Einige fanden, mit das Wertvollste während des eigenen Studiums sei der Austausch mit den anderen Studierenden gewesen, und bezweifelten, dass dies beim Austausch im Web genau so möglich wäre, ebensowenig wie das Erlernen von den als sehr wichtig erachteten sozialen Kompetenzen. Ein weiterer Punkt war das Geld. Wie soll das bezahlt werden? Werden am Ende anstelle der fehlenden Matura die fehlenden Finanzen zur Zugangsbeschränkung.

Räumlichkeiten und Infrastruktur wurden uns an diesem Netzzunft-Abend übrigens vom SIB kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Lehrgänge des SIB stehen allen offen, eine Matura ist keine Voraussetzung 😉

Die Folien von Andreas von Gunten’s Vortrag: https://docs.google.com/present/view?id=dfjjsn7t_2150dcwfm8r9

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1 Response to “Open Education – Das Ende der Hochschulen?”


  1. 23. November 2010 um 21:57

    Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass der ganze Abend ausserordentlich interessant war. Ich bin aber ganz der Ansicht von Köppel und kann seine vorgebrachten Bedenken nur unterstreichen. Hinzu kommt, dass das Veröffentlichen sämtlicher Forschungsergebnisse deren Missbrauch geradezu fördern würde.
    Also sicher weiterhin Hochschulen und weiterhin geordnete Verhältnisse.
    Vielen Dank für diesen interessanten Blog und liebe Grüsse


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