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Suppe, Mafia und Ärger


Toastmasters International

Toastmasters International setzt sich dafür ein, effektive mündliche Kommunikation zur weltweiten Wirklichkeit zu machen.

Letzten Samstag fand der Annual Toastmasters Division E – International Speech & Speech Evaluation Contest in Zürich statt. Der englische Toastmasters Verein Zuriberg Toastmasters hat den Anlass auf die Beine gestellt. Ich hatte den Club vor ein paar Wochen in ihrem Stammlokal, dem Restaurant Blue Monkey, besucht und aufgrund dieser Erfahrung bereits vermutet, dass der Wettbewerbstag sehr professionell ablaufen würde. Meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt.

Toastmasters massen sich also untereinander in der vorbereiteten Rede sowie im Reden bewerten, und sie taten dies auf Englisch oder Deutsch. Neben den Wettbewerben wurden je zwei Workshops in Deutsch und Englisch angeboten. Mit Ausnahme des Redebewertungs-Wettbewerbs, bei dem ich als Jurorin im deutschen Teil dabei war, verfolgte ich den restlichen Tag ausschliesslich die englischen Teile und kam so in den Genuss der Präsentationen von J. Vincent und K. Bullus.

Auf J. Vincent war ich schon ganz gespannt, da ich ihn von LinkedIn her kannte und einige seiner Blogs gelesen hatte. Seine unterhaltsame und lehrreiche Präsentation „Selling in the Brave New World“ hat mir ausgezeichnet gefallen. Er reicherte echte Inhalte mit eigenen Beispielen an, ohne mit Füllwörtern um sich zu werfen.

K. Bullus‘ Vortrag „Having fun with desaster“ versprach schon vom Titel her spannend zu werden – und er enttäuschte nicht. Mit viel Humor animierte er uns, erst mal selber Rettungsversuche für mögliche „Unfälle“ zu erarbeiten, um dann seine Lösungen zum Besten zu geben. K. Bullus überzeugte mit seiner Lebhaftigkeit, seinem Temperament und seiner Lockerheit, mit der er Unfällen während seines Workshops begegnete.

Mein persönliches Highlight während dieses Tages war der englische Redewettbewerb, über den ich mich deshalb etwas detaillierter auslasse.

Camran berichtete uns von dem Tag, als Ajatollah Chomeini nach jahrelangem Exil am 1.2.1979 in Teheran landete. Millionen von begeisterten Menschen bewegten sich zum Flughafen hin. Er dagegen, der 11-jährige Junge, bewegte sich gegen den Strom, denn Chomeini war nicht sein Führer. Er hatte damals verstanden, dass es zwei Arten von Führern gibt. Jene, die Teilung ansteuern, und jene, welche das Miteinander anstreben. In seiner Rede erinnerte er uns daran, dass man weise entscheiden soll, wem man folgen will.

Von Silvana erfuhren wir, dass eine Suppe nicht einfach nur eine Suppe ist. Gekocht von ihrem Vater, der von seiner eigenen Erziehung her seinen Platz keineswegs in der Küche sah, wurde diese Suppe zu einem Zeichen seiner Liebe für sie, seine Tochter. Wie sehr sie das berührte, war hör- und sichtbar und ergreifend in einer Sprache, die vor meinem geistigen Auge sehr konkrete Bilder heraufbeschwörte. Kocht Euren Kindern Suppe ist ein Rat, den sich alle Eltern zu Herzen nehmen dürfen.

Ebenso bildhaft schilderte Maria, wie sich ihre italienische, nach Australien ausgewanderte Familie gemeinsam den Paten ansah, für ihre Eltern weniger ein Film über die Mafia als vielmehr einer über ihre Heimat, denn Marias Mutter kam just aus dem kleinen Ort Forza d’Agrò (Sizilien), in welchem Teile des Paten gedreht wurden. Die quirlige Australien-Sizilanerin erklärte uns mit ihrem ganzen Temperament, wie sehr es sie mehr und mehr frustrierte, dass die ganze Welt Sizilien ausschliesslich mit der Mafia in Verbindung zu bringen schien, und wie sie MAFIA für sich umgedeutet hat: Mangare (die Beschreibung der leckeren Gerichte grenzte an Folter, ich wurde immer hungriger), Amore, Forza, Italia, Amici veri!

In Mahima’s Rede lieferten sich Angst und Vertrauen einen Kampf. Sie stellte uns die zwei Kämpfer vor, als wären wir Zuschauer eines Boxkampfes, und genauso spannend entwickelte sich der Schlagabtausch zwischen den niederschmetternden oder zur Vorsicht mahnenden Argumenten der Angst und den motivierenden, enthusiastischen Darlegungen des Vertrauens. Beängstigend viele Ausführungen der Angst kamen mir furchtbar bekannt vor, noch so gerne liess ich mich von der Begeisterung des Vertrauen anstecken.

Das Thema Ärger wurde von Leslie auf erfrischend andere Art beleuchtet, ja gar gefeiert. Sie plädierte dafür, den Ärger als das zu sehen, was er ist: eine Quelle der Kraft und Energie. Anstatt den Ärger zu bekämpfen, sollte man ihn nutzen, denn in die richtigen Bahnen gelenkt, kann er uns weiterbringen und aus scheinbar ausweglosen Situationen befreien.

Seit einigen Monaten lese ich regelmässig John Zimmers Blog. Insbesondere seine Redeanyalysen sind für mich eine echte Bereicherung. Letztes Jahr hatte er den District-Wettbewerb der humorvollen Reden gewonnen und diese Rede ebenfalls in seinem Blog analysiert. Die Rede wie die Analyse sind ein Genuss der Extraklasse, und ich war sehr neugierig auf seine Rede in diesem Wettbewerb. Von einer amüsanten Episode aus seinen Ferien mit der Familie in Istanbuhl führte er uns zu einer Geschichte einer Frau, welche den Holocaust überlebt hatte. Sie erinnerte sich an die letzte Szene mit ihrem Bruder auf der Zugfahrt ins KZ und wie sie mit ihm schimpfte, weil er seine Schuhe verloren hatte. Es waren die letzten Worte, die sie an ihn richtete. Sie wurden getrennt, und sie sah ihren Bruder nicht mehr. Sie hatte sich geschworen, nie wieder Worte an jemanden zu richten, die sie später bereuen würde. Ein grosses Schwur, aber einer, den anzustreben es sich lohnte. Mit einem unglaublichen Feingefühl führte uns John von dieser bewegenden Geschichte zurück zum Istanbuler Markt, brachte uns wieder zum Lachen und schaffte den Bogen zu seiner Botschaft: Mache Deine Worte zu etwas unermesslich Besonderem.

Mit dieser Rede hatte John den Wettbewerb aus meiner Sicht absolut verdientermassen gewonnen, wenngleich es der Jury bestimmt nicht leicht fiel, denn alle Reden waren von hoher Qualität, hatten inspirierende Inhalte und waren fesselnd und mitreissend vorgetragen.

Es war für mich ein rundum gelungener Tag, mit ganz vielen bereichernden Denkanstössen und beflügelnden Begegnungen. Dem Zuriberg Toastmasters Club kann ich nur von Herzen für die absolut professionelle Planung, Organisation und Durchführung gratulieren.

Wer sich für Toastmasters interessiert, wird hier fündig: www.toastmasters.ch – Gäste sind jederzeit willkommen!

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4 Responses to “Suppe, Mafia und Ärger”


  1. 23. April 2010 um 21:01

    Liebe Gaby,

    ich kenne Toastmasters Züriberg gut, habe dort ein Jahr aktiv mitgemacht und es jetzt aufgegeben, weil mir die Gewaltfreie Kommunikation wichtiger ist und ich dafür mehr Zeit haben möchte. Irgendwie hat es mich berührt, dass der erste Blog-Beitrag den ich von Dir lese genau davon handelt. Das ist für mich, wie ein Kreis, der sich schliesst, was mir Sinn und Spiritualität erfüllt. Ich danke Dir.

    Renate

    • 23. April 2010 um 21:44

      Liebe Renate
      So, wie ich den Züriberg Toastmasters Club kennengelernt habe, kann ich mir vorstellen, dass ein regelmässiges Engagement recht zeitaufwändig ist. Dass Dir die Gewaltfreie Kommunikation sehr am Herzen liegt, kann man auf Deiner webpage gut erfahren. Ich habe ein paar Posts auf Deiner Blogseite gelesen – sehr berührend und ganz schöne und wertvolle Themen, die Du da ansprichst. Mir gefällt der Mix, mal von jungen, mal von älteren Menschen und dann wieder etwas humoristisches.
      Vielen Dank für Deinen Besuch bei mir!
      Gabriela

  2. 20. April 2010 um 21:12

    Liebe Gabriela
    Ich wusste – offen gestanden – gar nicht was ein „Toastmaster Club“ ist und macht. Das ist ineressant und ich werde mich auf deren Homepage schlau machen.
    Schöner Abend
    Marianne

  3. 19. April 2010 um 23:37

    Hallo Gaby,
    ja manchmal wünscht man sich, es gäbe nicht nur EINEN Ersten, sondern alle könnten gewinnen.
    Danke für Deinen interessanten Blog, den ich mit grossem Interesse gelesen habe.
    Gruss Nelly


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